Abberufung aus dem Vorstand 1935

Am 14. April 1935 wurden die von Rudolf Steiner eingesetzten Vorstandsmitglieder Ita Wegman und Elisabeth Vreede aufgrund eines Generalversammlungsbeschlusses als Vorstände der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft abgesetzt[1].

Hintergrund der Beschlüsse von 1935[2]

Ita Wegman und Elisabeth Vreede sowie ihren angeblichen „Anhängern“ wurden nach Rudolf Steiners Tod schwere Vergehen und zerstörerisches Verhalten gegenüber der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft[3], dem Geist der Weihnachtstagung und den Impulsen der Anthroposophie vorgeworfen. Diese Behauptungen, die unter aktiver Beteiligung der anderen Vorstandsmitglieder mit erheblichem Aufwand (mit Hilfe der sogenannten „Denkschrift“)[4] im Nachrichtenblatt der Gesellschaft in der Mitgliedschaft verbreitet wurden, bildeten die Grundlage für die an der Generalversammlung 1935 gefassten Beschlüsse. Dabei waren Ita Wegman und Elisabeth Vreede bereits lange zuvor faktisch von der Leitungstätigkeit im Vorstand ausgeschlossen worden, mit dem formalen Ausschluss aus dem Vorstand wurde dies endgültig besiegelt.

Bei den damals angegebenen Begründungen handelte es sich um Missverständnisse, Unterstellungen und Verleumdungen, dies war für einige Mitglieder schon damals deutlich erkennbar. Allerdings konnten sie mit ihren Zuschriften, Anträgen und Redebeiträgen nicht durchdringen.

Über die Tatsache, dass die damaligen Ausschlüsse zu Unrecht erfolgten, besteht inzwischen weitgehend Einigkeit. Aus heutiger Sicht war es nicht das Handeln Ita Wegmans und Elisabeth Vreedes, welches den Intentionen Rudolf Steiners und dem Impuls der Weihnachtstagung entgegen stand, sondern das Handeln derjenigen, welche für die Ausschlüsse verantwortlich waren.

Damit ergibt sich die Situation, dass zentrale Organe der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, die Generalversammlung und der restliche Vorstand, aufgrund von Missverständnissen und Unwahrheiten die von Rudolf Steiner selber bei der Weihnachtstagung eingesetzten und hochgeschätzten Vorstandspersönlichkeiten von ihrer weiteren Wirkensmöglichkeit innerhalb der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft ausgeschlossen haben.

Zu einer Rehabilitierung der beiden Persönlichkeiten würde gehören, dass ihr Wesen und Wirken im Dienste der Anthroposophie und als Mitarbeiter Rudolf Steiners erkannt und gewürdigt werden, dass die Umstände und Ereignisse, die zu den Ausschlüssen führten, im Sinne einer Selbsterkenntnis der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft ins Bewusstsein gehoben und verarbeitet werden und dass das geschehene Unrecht als solches anerkannt sowie der Beschluss aus dem Jahr 1935 aufgehoben wird. Nur so können wir innerhalb der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft auf einem Boden stehen, der im Sinne einer Bewusstseinsseelenverfassung wach und wahrhaftig ist, und von dem aus eine fruchtbare Wirksamkeit der verantwortlich Tätigen für die Anthroposophie überhaupt nur möglich sein kann.

„Aber darauf möchte ich aufmerksam machen, dass unsere jetzige Versammlung nur fruchtbar werden kann, wenn auf Grundlage der Erkenntnis der Mangelhaftigkeiten – die ja wohl zugegeben werden – also der konkreteren Erkenntnis desjenigen, was mangelhaft ist, zu einer Gestaltung des Positiven geschritten wird.“[5]

Diese Worte Rudolf Steiners stammen aus dem Schicksals- und Krisenjahr nach dem Brand des Goetheanum 1923, in dem er unermüdlich und mit höchstem Einsatz dafür tätig war, das Bewusstsein der Mitglieder für die dringend erforderliche Selbsterkenntnis und Konsolidierung der Gesellschaft zu wecken.

Welche Bedeutung haben die Ausschlüsse von 1935 zum einen für die übersinnliche anthroposophische Bewegung und zum anderen für die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft auf Erden?

In den Karmavorträgen von 1924 schildert Rudolf Steiner, wie sich in der geistigen Welt jene Seelen aus allen alten Mysterienströmungen um Michael versammelten, welche den Christus-Impuls suchten. Zur Rettung der gesamten Erdenzivilisation wollten sich diese Seelen der verschiedensten karmischen und geistigen Strömungen am Ende des 20. Jahrhunderts vereinen, um gemeinsam die Anthroposophie in ihrer Kulturwirksamkeit zu einer Kulmination zu führen.

Wir können davon ausgehen, dass im Urvorstand der Weihnachtstagung 1923/24 von Rudolf Steiner wesentliche Repräsentanten dieser Strömungen vereint worden waren. Durch die Ausschlüsse von 1935 wurden nicht nur bedeutende geistige Schüler Rudolf Steiners aus dem Vorstand „ausgesondert“, sondern auch besonders herausragende Mitarbeiter auf wissenschaftlichem und medizinisch-therapeutischem Felde von ihren Sektionsfeldern und Aufgabengebieten innerhalb der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft  abgeschnitten. Vor allem jedoch werden mit ihnen – und etwa zweitausend weiteren Mitgliedern, die 1935 aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurden – ganze Teile der übersinnlichen anthroposophischen Bewegung abgespalten. Von welcher Tragweite dies wirklich gewesen sein mag und welche Entwicklungen damit verhindert wurden bis heute, lässt sich kaum ermessen.

Im Laufe der nächsten Jahre wurde auch Marie Steiner, die an den Ausschlüssen ihrer Vorstands-Kolleginnen beteiligt war, von der Mitwirkung im Vorstand und der Gestaltung der Gesellschaft ausgeschlossen. Damit war auch das weibliche Element des Urvorstandes vollständig beseitigt. Die Bedeutung eines Gleichgewichtes in männlich-weiblicher Wirksamkeit für die erneuerte Esoterik wurde von Rudolf Steiner jedoch schon in den frühen esoterischen Stunden besonders betont.

Vor dem Hintergrund der Abendvorträge, die Rudolf Steiner bei der Neugründung der Anthroposophischen Gesellschaft im Dezember 1923 hielt, und aus denen sein über Jahrtausende währendes Zusammenwirken mit Ita Wegman im Dienste Michaels sichtbar wird, erscheint der Ausschluss vor allem Ita Wegmans aus dem Vorstand von besonderer Tragik und Folgenschwere.[6]

Als Wilhelm Rath nach der Generalversammlung 1935 Elisabeth Vreede aufsuchte und sie von den Ausschlüssen erfuhr, sagte sie, was in Dornach geschehe, habe Auswirkungen auf das ganze Weltgeschehen. „Der Damm gegen den Nationalsozialismus sei nun gebrochen.“[7]

Vom einstigen Urvorstand und der durch ihn repräsentierten relativen Vielfalt geistiger Strömungen waren nur noch Albert Steffen und Guenther Wachsmuth geblieben, die in einer unvermeidbaren Einseitigkeit nun über Jahrzehnte bestimmend blieben für die weitere Entwicklungsrichtung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft. Diese versank langsam in den Zustand der Lähmung und Wirkungslosigkeit, für Jahrzehnte, auf den Rudolf Steiner als drohende Gefahr hingewiesen hatte, wenn der Impuls der Weihnachtstagung nicht aufgenommen würde. „Anthroposophie wird sicher nicht aus der Welt geschafft. Aber sie könnte für Jahrzehnte und länger, ich möchte sagen, in einen latenten Zustand zurücksinken. Es wäre aber Ungeheures verloren für die Entwicklung der Menschheit.“[8]

An dieser Stelle sei angemerkt, dass in keinster Weise eine absolute Verurteilung der Persönlichkeiten Albert Steffen und Guenther Wachsmuth intendiert ist oder erfolgen darf. Auch ihr Einsatz für die Anthroposophie ist hoch zu schätzen. Wir verdanken z.B.  Guenther Wachsmuth, dass der Bau des zweiten Goetheanum überhaupt möglich wurde und Albert Steffen seine grossartigen Dichtungen, Dramen und heilenden Bilder. Es darf jedoch auch nicht darüber hinweggesehen werden, wie durch diese beiden Vorstände die Gesellschaftsentwicklung geprägt wurde. Einen Fortschritt in Richtung einer Bewusstseinsseelenhaltung könnte es bedeuten, wenn wir in den Taten eines Menschen das Wirken der Gegenmächte erkennen können[9], ohne dadurch die Liebe zu ihm als Mensch zu verlieren oder sein wahres Streben zu verkennen. Wir könnten den gesamten Werdegang der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft im Lichte des permanenten Scheiterns und Versagens der Mitglieder sehen, uns eingeschlossen, weil wir es mit „starken gegnerischen Mächten, dämonischen Mächten“ [10]  zu tun haben, welche „gegen die anthroposophische Bewegung anstürmen“15  und „die sich ja doch der Menschen auf Erden bedienen“15. Jegliche „innere Opposition“[11], von der Rudolf Steiner so häufig sprach – „bis in meine allernächste Umgebung hinein“[12] – entstammte dem Einfluss der Gegenmächte.

Im Rahmen einer Zweigleitertagung 1988 stellte der damalige erste Vorsitzende Manfred Schmid-Brabant eindringlich die Frage, wie es möglich sei und wo die Ursachen liegen könnten, dass unsere Gesellschaft nur rund 60.000 Mitglieder zähle, während mit der weltweiten anthroposophischen Bewegung Hunderttausende verbunden seien. Rudolf Steiner habe ja doch von vielen Millionen Seelen gesprochen, welche vorgeburtlich den Entschluss gefasst haben, auf Erden die Anthroposophie zu suchen! Warum finden sie den Weg nicht zu uns, in unsere Gesellschaft?

Vielleicht liegt ja eine der Antworten auf diese Frage in der oben beschriebenen tragischen Entwicklung? Denn gerade die beiden bzw. drei aus dem Urvorstand ausgeschalteten Persönlichkeiten besassen in besonderem Masse die Fähigkeit, aus dem Quell der Anthroposophie heraus kulturerneuernd und bis in die Öffentlichkeit herein zu wirken. Indem Ita Wegman und Elisabeth Vreede als reale Bezugspersonen und Mitgestalter der anthroposophischen Gesellschaft fehlten, und die Geste der Ausgrenzung seitens der Leitung fortgesetzt wurde, haben womöglich zahlreiche Seelen über Jahre oder Jahrzehnte den Weg zur Anthroposophie und zur Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft nicht finden können.[13] Von Rudolf Steiner stammen die Worte: „… dass, wenn uns gelingen würde, all das, was seit Weihnachten wirkt, wirklich auswirken zu lassen, die Zahl der Mitglieder in verhältnismässig kurzer Zeit verdrei- bis vervierfacht werden könnte.“[14]

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[1]   Ausserdem wurden an dieser Generalversammlung weitere namhafte Persönlichkeiten sowie der holländische und der englische Landesverband aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Diese Beschlüsse wurden bereits 1948 durch erneuten Generalversammlungsbeschluss aufgehoben, nicht jedoch die Ausschlüsse aus dem Vorstand von Ita Wegman und Elisabeth Vreede.

[2]   Diesbezügliche Quellenangaben und Hinweise zur Geschichte der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft  befinden sich am Ende dieser Schrift.

[3] In Bezug auf das Verhältnis zwischen unserer Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der von Rudolf Steiner an Weihnachten 1923/24 gegründeten Anthroposophischen Gesellschaft gibt es bis heute unterschiedliche Auffassungen, worauf an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden kann. Es liegen hier allerdings Forschungsfragen von grosser Tragweite vor.

[4]   Bei der „Denkschrift über Angelegenheiten der Anthroposophischen Gesellschaft in den Jahren 1925 – 1935“ handelt es sich in Wirklichkeit um eine Kampfschrift mit einem Umfang von 154 Seiten, mit welcher der Ausschluss von Ita Wegman und Elisabeth Vreede aus dem Vorstand sowie der Ausschluss namhafter Mitglieder und der Landesverbände von Holland und England begründet wurden. Diese „Denkschrift“ wurde offiziell von der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft bis 1949 vertrieben und inhaltlich nie widerrufen.

[5]   GA 259, 1991, S. 377.

11   GA 233, „Die Weltgeschichte in anthroposophischer Beleuchtung“, sowie u.a.: Zeylmans: Wer war Ita Wegman, Bd. I, 1992.

[7]   Heinz Eckhoff: Schicksal der Menschheit an der Schwelle. Stuttgart 1998, S. 96.

[8]   GA 258, 1981, S. 171. Zum Beispiel fanden während des zweiten Weltkrieges vier Jahre lang keine Vorstandssitzungen statt, von 1943 bis 1949 wurden am Goetheanum keine Klassenstunden gehalten – während die Hochschularbeit anderenorts durchaus weiterging.

[9]   „Der Mensch kann in dem Glauben leben, ein bestimmter Beweggrund führe ihn zu einer Handlung; in Wahrheit ist dieser Beweggrund nur die bewusste Maske für einen unbewusst bleibenden….“ Rudolf Steiner, GA 35, S. 349f: „Die Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz“

[10]  GA 260a, 1987, S. 235.

[11]  Mehrfach in GA 258, besonders häufig in GA 259 angesprochen u.a.

[12]  Zeylmans: Wer war Ita Wegman, Bd. III, 2013, S. 435.

[13]  Damit ist nicht gesagt, dass nicht in jedem Einzelnen und in Gruppen  Impulse der Weihnachtstagung lebendig sein und gepflegt werden können. Gemeint ist hier die Ebene der Entfaltung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, deren Mitgliederzahlen weiterhin sinken. Auch  wenn die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft nicht mit der an Weihnachten 1923/24 von Rudolf Steiner neu gegründeten Anthroposophischen Gesellschaft identisch wäre, könnten wir ja dennoch darauf hinarbeiten, soviel wie möglich von den Impulsen der Weihnachtstagung in ihr zu verwirklichen!

[14]  GA 260a, 1987, S. 445.