Zur Vorgeschichte dieser Initiative

Aufgrund einer Mitgliederinitiative sollte an der Generalversammlung 2017 der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft der im Jahr 1935 gefasste Beschluss, der zur Abberufung von Ita Wegman und Elisabeth Vreede aus dem Vorstand geführt hatte, aufgehoben werden. Durch erst während bzw. unmittelbar vor der Verhandlung des Antrages an der Generalversammlung 2017 geäusserte rechtliche und sonstige Bedenken aus Funktionärs-Kreisen, die im Rahmen der Versammlung jedoch nicht geklärt werden konnten, verzichteten die Antragsteller auf die Abstimmung und zogen den Antrag zurück. Damit hat der Beschluss von 1935 weiterhin Gültigkeit. Die an der Generalversammlung geäusserten Bedenken haben sich inzwischen jedoch als nicht relevant erwiesen[1].

Als Mitglieder der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft befinden wir uns rechtlich und geistig in genau der Gesellschaft, deren Organe damals diese Urteile gefällt und die entsprechenden Beschlüsse gefasst haben. Wenn wir aber heute vorbehaltlos anerkennen können, dass damals Unrecht geschehen ist und damit gegen die mit der anthroposophischen Bewegung verbundenen Intentionen gehandelt wurde, haben wir zum Beispiel folgende Möglichkeiten:

  • Wir distanzieren uns von dem damaligen Geschehen und bringen so zum Ausdruck, dass wir damit nichts zu tun haben wollen bzw. uns dafür nicht verantwortlich fühlen. Gewiss, wir heutigen Mitglieder waren nicht die damals Handelnden. Da das Geschehene aber untrennbar mit der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft verbunden ist, müssten wir uns auch von dieser distanzieren – und konsequenter Weise austreten. Eine Distanzierung von einem untrennbar zur Gesellschaft gehörenden Geschehen bei gleichzeitiger Mitgliedschaft oder gar einer Zugehörigkeit zur Leitung der Gesellschaft wäre ein Widerspruch in sich.
  • Wir erkennen das Unrecht vorbehaltlos an, durchdringen das Geschehene mit Bewusstsein und unserem Verantwortungsgefühl im Sinne der oben beschriebenen Selbsterkenntnis einer Gesellschaft, welche dem „Geist der Wahrheit“ dienen will, heben den Beschluss[2] auf und tragen die sich möglicherweise daraus ergebenden Konsequenzen.[3],[4]

Nur letzteres Vorgehen kann aus Sicht der Unterzeichner dieser Initiative ein angemessener und fruchtbarer Weg sein, wenn wir den ursprünglichen Impulsen Rudolf Steiners treu bleiben – oder wieder treu werden wollen. Es würde dies zugleich einen grossen Schritt zur Heilung karmischer Brüche bedeuten und zur Selbstheilung, indem die abgespaltenen karmischen Strömungen wieder aufgenommen und ein gemeinsames, kräftiges Zukunftswirken ermöglicht würde.[5]

Nachdem eine Aufarbeitung dieser Vergangenheit über Jahrzehnte als ein Tabu erlebt werden konnte, sollte es heute, insbesondere angesichts der sich nähernden 100jährigen Wiederkehr der Weihnachtstagung 1923/24 möglich sein, zunächst einmal diesen Teil der tragischen Geschichte der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft aufzuhellen und zu integrieren. Dies könnte ein Anfang sein für einen Heilungsprozess der ganzen anthroposophischen Gesellschaft und zu einer Befreiung auch derjenigen Persönlichkeiten, die damals für die Ausschlüsse verantwortlich waren. Es kann dieser Schritt als ein Beitrag gesehen werden, um die Voraussetzungen zu schaffen, dass zur 100jährigen Wiederkehr der Weihnachtstagung 2023/24 die Impulse Rudolf Steiners auch innerhalb der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft wirklich erneut ergriffen werden können.

Es ist der Wunsch der Unterzeichner, dass – nach Möglichkeit in einem Zusammenwirken mit den Sektionen, die von Ita Wegman (Medizinische Sektion) und Elisabeth Vreede (Mathematisch-Astronomische Sektion) geleitet wurden –, zusätzlich zu den bereits für 2018 geplanten Tagungen, Veranstaltungen und Veröffentlichungen zur Würdigung dieser Persönlichkeiten und ihrer Leistungen auch durch die Generalversammlung 2018 ein wesentlicher Beitrag zu ihrer Rehabilitierung geleistet werden kann, indem das damals geschehene Unrecht anerkannt und der Beschluss von 1935 aufgehoben wird.

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[1] «Ein Nachrichtenblatt», Nr. 22, 30.10.2017, Beiträge von Marijcke van Hasselt und Thomas Heck.

[2] Selbstverständlich können Ita Wegman und Elisabeth Vreede nicht in das Vorstandsamt rückwirkend zurückversetzt werden, sehr wohl kann aber der Beschluss aufgehoben werden, der einem Fehlurteil vergleichbar ist.

[3] Es wird hier nicht übersehen, dass noch weiteres geschehenes Unrecht in der Geschichte der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft einer Aufarbeitung bedarf.

[4] Dies bezieht sich auf die an der Generalversammlung 2017 geäusserten Bedenken, die sich inzwischen als nicht relevant erwiesen haben. Hierzu auch Fussnote 5.

[5] Sicher werden auch Menschen, die zu den ausgeschlossenen Strömungen gehören, den Weg zur Anthroposophie und in die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft dennoch gefunden haben, insbesondere ab den 1970er Jahren begann auch das Leben innerhalb der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft wieder stärker aufzublühen, jedoch steht die Wiedereingliederung dieser Strömungen als bewusste Gesellschaftstat noch aus.